Indiepodcasts – in der deutschsprachigen Podcastkritik vernachlässigt?

Die deutschsprachige Podcastlandschaft ist verdammt heterogen. Sowohl, was Themenvielfalt, Demographie der Podcastenden (naja, zumindest zunehmend…) als auch Produktionsaufwand und -hintergrund angeht. Podcasts, die in den gängigen Podcastverzeichnissen zu finden sind, variieren von rohen Gesprächsformaten mit minimaler Vor- und Nachbereitung bin hin zu aufwendigen Featureformaten, in die manchmal hunderte Arbeitsstunden von einem mehrköpfigen Produktionsteam fließen. Es mag eine substanzielle Korrelation zwischen dem Arbeitsaufwand für eine Podcastepisode und dem Professionalisierungsgrad der Podcastproduzierenden geben, aber sie ist nicht perfekt. Mit anderen Worten: Es gibt Profi-Podcasts, bei denen man sich beim Hören fragt, wofür überhaupt Geld in die Hand genommen wurde und es gibt Indie-Podcasts, deren Produktion so aufwendig ist, dass man sich um die Work-Life-Balance der Podcaster*innen sorgt.

Und: auch Produktionsaufwand und Qualität des Ergebnisses korrelieren nicht perfekt. Manchmal bestehen die Perlen „nur“ aus Gesprächen zwischen zwei Menschen, in denen Ideen und Perspektiven vermittelt werden, für die in perfekt durchgetakteten Profi-Podcasts kein Raum bleibt. Solche Podcasts, die meines Erachtens maßgeblich zum Ruf von Podcasts als „intimes Medium“ beigetragen haben, findet man zu Hauf in der Indiepodcastszene – wenn man weiß, wo und wie man sie findet. Aber hey, dafür gibt es ja Podcastkritikformate! Dort findet man bestimmt auch Besprechungen für viele Indiepodcasts, oder?

Bevor ich darauf eine Antwort gebe, müssen Definitionen folgen. Was meine ich mit Indiepodcastszene? Was macht einen Indiepodcast independent? Die deutschsprachige Indiepodcastszene ist groß. Sehr groß. Und eigentlich ist es auch falsch, von der einen deutschsprachigen Indiepodcastszene zu sprechen, denn weder gibt es nur die eine, noch zählt sich jede*r Indiepodcaster*in zu einer Szene. Wenn ich von der deutschsprachigen Indiepodcastszene spreche, dann meine ich damit – und es soll deutlich werden, dass Indiepodcasts nicht aus einer Szene kommen müssen – im Kern die Gruppe von unabhängig podcastproduzierenden Personen, die sich der Graswurzelbewegung rund um den Chaos Computer Club, das Sendegate oder die Subscribe zugehörig oder gedanklich nahe fühlen. Und um einen Kern herum passiert ja bekanntlich ziemlich viel.

Wenn schon die Definition der Indiepodcastszene schwer fällt, gelingt es dann wenigstens besser mit Indiepodcastenden? Kris M. Markman definiert in ihrem Artikel „Doing radio, making friends, and having fun: Exploring the motivations of independent audio podcasters“ von 2011 unabhängige Podcastsproduzierende als „podcasters who are creating content that is unaffiliated with pre-existing traditional media content“. Puh. Nicht mit traditionellen Medieninhalten verbunden zu sein scheint jetzt auch kein besonders trennscharfes Merkmal zu sein. Was ist mit Produktionen, die zunächst im eigenen Wohnzimmer entstanden sind und dann beispielsweise von Spotify aufgekauft wurden, um dann dort exklusiv distribuiert zu werden? Sind die Macher*innen dann noch Indiepodcastende?

Vielleicht hilft die Definition von „Independent“: Laut Wikipedia handelt es sich bei Independent um „eine Sammelbezeichnung für von Selbstständigen erschaffene Kulturgüter, die damit ein eigenes Genre, wie Independent-Film oder Independent-Musik bildeten, als auch eine Beschreibung für eben jene selbständige Urheber bzw. Produzenten, die ‚unabhängig vom allgemeinen Zeitgeschmack meist neue, eigenwillige künstlerische Wege beschreiten'“. Na, damit lässt sich doch arbeiten.

Eine Kombination beider Definitionen hatte ich im Hinterkopf, als ich gefragt wurde, ob ich als Person aus der Indiepodcastszene im Podcast Über Podcast des Deutschlandfunk Kultur über Podcastkritik sprechen und dabei insbesondere darstellen möchte, nach welchen Kriterien wir bei Audio:viel an Podcastreviews herantreten. Indieformate, das sind für mich Podcasts, die nicht an traditionelle Medienunternehmen wie Radiosender oder Wochenzeitungen gebunden sind und keine Auftragsarbeiten für Medienkanäle wie Spotify oder Audible darstellen und ein deutliches DIY-Konzept fahren. Podcasts von Die Zeit? Gehören nicht dazu. Audible Original Podcasts? Nope. Podcasts von professionellen Produktionsstudios wie Studio Bummens oder Viertausendhertz? Zähle ich auch nicht dazu. Darüber lässt sich bestimmt streiten, aber mit irgendwas musste ich arbeiten, als ich mir vornahm, für das Gespräch im Über Podcast ein paar Zahlen zur Verteilung der in Podcastkritikformaten betrachteten Podcasts zu sammeln.

Und so durchforstete ich die Archive von Podcastkritik-Podcasts (Breitband, Über Podcast, Die Podcatcher, Hört Hört, Audio:viel) und Podcastkritik-Kolumnen und -Newslettern (Hören/Sagen, Übermedien Podcastkritik, Die Podcast-Entdecker) und zählte die empfohlenen oder besprochenen Podcasts nach zwei Kategorien aus: (1) Ist der besprochene Podcast ein Indiepodcast oder nicht? Und (2) Ist der besprochene Podcast eine deutsch- oder englischsprachige Produktion? Nicht alle Ergebnisse fanden Platz im Podcast, daher reiche ich hier meine vollständigen Daten nach.

Podcast/ Kolumne/ NewsletterIndie-Produktionen (%)Profi-Produktionen (%)Deutschsprachige Podcasts (%)Englischsprachige Podcasts (%)
Breitband18822971
Über Podcast26745644
Hört Hört50507723
Die Podcatcher50507525
Audio:viel75257525
Hören/Sagen16841684
Übermedien Podcastkritik23777426
Die Podcast-Entdecker17838020
Prozentuale Anteile der in den jeweiligen Formaten empfohlenen oder besprochenen Podcasts nach Art der Produktion und Sprache.

Was deutlich wird: Indiepodcasts – zumindest nach meiner o. g. Definition – werden in den meisten Podcastkritikformaten sträflich vernachlässigt. Mit Anteilen zwischen 16% und 26% bieten die Podcastkritiken im Hören/Sagen-Newsletter, bei den Podcast-Entdeckern, bei Breitband, in der Übermedien-Kolumne und im Über Podcast die geringste Betrachtung von Indie-Podcastformaten. Ausgeglichen ist es sowohl im Podcastempfehlungs-Podcast Hört Hört von Pool Artists als auch bei den Podcatchern, die, wie sie selbst schreiben, „unaufgeforderte Podcast Peer Review“ machen. Während letzterer direkt aus dem Kern der Indiepodcastszene stammt, ist Hört Hört die Nähe zu Indiepodcasts deutlich anzumerken (mein eigenes Projekt Brainflicks wurde dort beispielsweise auch schon besprochen) – und das, obwohl es sich bei Pool Artists um eine professionelle Podcastcastproduktionsfirma handelt. Aus Gründen der Selbstkritik habe ich auch Audio:viel der gleichen Auswertungsprozedur unterworfen. Die Podcasts, die wir in der Rubrik „Hör hin!“ bis dato besprochen haben, waren zu drei Vierteln Indieproduktionen. Mein subjektives Gefühl stimmte also immerhin.

Der Blick auf die Sprache der besprochenen Podcasts bot jedoch eine kleine Überraschung: Hier hatte ich wesentlich höhere Anteile englischsprachiger Produktionen in den Rezensionsorganen erwartet. Mit 16% und 29% deutschsprachiger rezensierter Produktionen liegen Hören/Sagen und Breitband zwar deutlich hinten, aber beim Über Podcast ist das Verhältnis sehr ausgeglichen. Ich erinnere mich, dass ich als Hörerin des Formats ein paar Folgen nach dem Launch etwas ernüchtert war, dort so viele englischsprachige Podcasts empfohlen zu bekommen, aber die Zeiten, in denen man ständig auf die neueste Produktion von New York Times oder NPR oder „das neue Serial“ aufmerksam gemacht wurde, scheinen vorbei. Mit 80% sieht es bei den Podcast-Entdeckern ganz besonders nach einer intensiven Betrachtung des deutschsprachigen Podcastmarkts aus; hier sei allerdings dazugesagt, dass in diesem von Bayern 2 herausgegebenen Newsletter häufig Eigenproduktionen aus dem Bayerischen Rundfunk und einzelne Feature-Episoden von anderen öffentlich-rechtlichen Radiosendern empfohlen werden.

Was deutlich wird: Indiepodcasts werden in den Rezensionsorganen, die vermutlich eine höhere Reichweite erzielen, weniger häufig rezensiert als professionell produzierte Formate. Ich persönlich finde das schade, gibt es doch so fantastische Indieproduktionen wie das Denkangebot, Minutes Before Sunrise oder Fotomenschen, die eine breite Aufmerksamkeit verdient haben (an der Stelle sei noch mal auf meinen Rant zu einer verwandten Problematik bei Filmpodcasts hingewiesen). Aber natürlich ist ein globaler Überblick mittlerweile unmöglich und mit diesem Anspruch an Podcastkritikformate heranzutreten schürt nur die eigene Unzufriedenheit. Aber was ich mir wünschen würde: eine Fokusverschiebung. Wenn man ein gewisses Podcastgenre oder -thema betrachtet, warum dann nicht mal bei Fyyd schauen, was es abseits der großen Produktionen noch dazu gibt? Warum nicht Raum geben für die „Indie-Podcast-Neuentdeckung der Woche“? Vielleicht würde das ein wenig dem Eindruck, dass die wirklich erwähnenswerten Podcasts nur von professionellen Medienschaffenden erschaffen werden, entgegenwirken. In diesem Sinne: Hört Privatsprache!

1 thought on “Indiepodcasts – in der deutschsprachigen Podcastkritik vernachlässigt?

  1. Jörn says:

    Ich hab schon bei dem Gespräch im DLF die ganze Zeit sehr genickt und tue es beim Lesen wieder. In 2021 sollte man doch meinen, dass Podcastkritik mehr ist, als die bestplatzierten Produktionen aus den Charts von Apple oder Spotify zu besprechen. Dass hier fast niemand den einen Schritt weiter geht, ist schlimmste\falls faul, beste\falls ein Problem von Auffindbarkeit.

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